Aufruf für eine menschliche Politik

Aufruf für eine menschliche Politik

Es heißt immer, man muss die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen. Aber seit wann bezieht sich dieser Satz nur noch auf die Sorgen der Menschen, die sich dazu verleiten lassen, die Schuld bei den Ärmsten suchen? Warum ruft Niemand dazu auf, auch meine Sorgen ernst zu nehmen? Zum Beispiel meine Sorge darüber, dass wir gerade Wegs in eine gespaltene, radikalisierte und streng überwachte Zukunft marschieren? Oder meine Sorge über den Verlust des Mitgefühls und der Menschlichkeit? Sind diese Sorgen nicht ebenso beachtenswert und relevant für die zukünftige Entwicklung unserer Politik?

Ich schreibe diese Zeilen, weil ich das Gefühl habe, dass man mittlerweile nur noch Gehör findet, wenn man ohne Rücksicht auf Verluste seine Meinung herausbrüllt. Wenn man möglichst unkomplizierte und populistische Ergüsse von sich gibt und ohne zu zögern einen passenden Sündenbock parat hat. Aber ich akzeptiere diese neue Art der Kommunikation nicht. Ich möchte nicht in einer Ellenbogengesellschaft leben, in der jede und jeder nur noch auf sich selbst Rücksicht nimmt und keine Minute darauf verwendet, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die bunt, offen, positiv und an das Gute im Menschen glaubt. Und ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der sich die Politik traut unangenehme Dinge anzusprechen, dem Menschen die Wahrheit zutraut und Schritte setzt, die unsere Probleme langfristig beseitigen und nicht bloß das Ziel haben die Zahlen bis zur nächsten Wahl aufzubessern.

Keine Ursachenbekämpfung

Weder wird die Kürzung von Sozialleistungen noch die Verlängerung der zumutbaren Arbeitswege für Arbeitssuchende dazu führen, dass wir in Zukunft weniger Arbeitslose haben. Ebenso wenig werden gewünschte Hintertüren in Verschlüsselungen und ständiges Misstrauen für mehr Sicherheit in unserem Land sorgen. Und weil es gerade heute Thema ist: Auch Ein-Euro-Jobs werden nicht dazu beitragen Integrationsprobleme zu lösen, sondern sorgen für eine Diskriminierung von Menschen mit anerkanntem Flüchtlingsstatus und werden höchstens dazu beitragen Integrationsprobleme weiter zu fördern.

Diese Forderungen sind reiner Populismus und haben keinerlei Substanz. Probleme werden schon lange nicht mehr an der Wurzel gepackt, sondern werden stattdessen unter unzähligen populistischen Phrasen und halb garen Lösungen begraben. Anstatt dass wir uns grundlegende Probleme des Wirtschaftssystems anschauen, werden die Arbeitslosen als die Schuldigen hingestellt. Anstatt dass wir für mehr Bildung und menschliches Miteinander eintreten, fordern unsere Politiker mehr Misstrauen und Überwachung. Anstatt Menschen aktiv in unserer Gesellschaft teilhaben zu lassen, degradieren wir sie zu Niedriglohnsklaven.

Mal wieder werden die Ärmsten als die Schuldigen an den Pranger gestellt und damit einem stetig größer werdenden Druck ausgesetzt. Denn niedrigeres Arbeitslosengeld sorgt nicht dafür, dass Menschen schneller eine Arbeit finden, sondern es sorgt lediglich dafür, dass Menschen die auf dieses Geld angewiesen sind, es noch schwieriger haben über die Runden zu kommen. Mehr Überwachung kann, in gewissen Fällen, vielleicht zu einer geringfügig gesteigerten Sicherheit führen, aber sie bringt garantiert immer einen Verlust der Freiheit. Und Menschen in Niedriglohnsektoren zu drängen hilft vielleicht auf den ersten Blick die Langeweile der Betroffenen zu beseitigen und die Statistiken aufzubessern, aber es wird langfristig der Integration und der Gemeinschaft als Ganzes schaden.

Hören wir auf ohne Rücksicht auf Verluste die kürzesten Wege mit den schnellsten Ergebnissen anzustreben, sondern arbeiten wir gemeinsam an Lösungen, die weiter gehen. Arbeiten wir an Lösungen, die mehr erreichen als das Notwendigste. Arbeiten wir an Lösungen, die langfristig unsere Gesellschaft verbessern und für einen menschlicheren Umgang miteinander sorgen. Nehmen wir uns jetzt die Zeit und schlagen einen neuen Weg der Empathie, Solidarität und des Miteinanders ein. Ansonsten werden wir oder spätestens unsere Kinder uns diese Fehler niemals verzeihen.

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2 Gedanken zu “Aufruf für eine menschliche Politik

  1. Lieber Stefan, ich bin irrsinnig stolz darauf,dass du mein Sohn bist und all jene Probleme ansprichst,die auch mich sehr beschäftigen. Ich hoffe,du kannst viele Menschen zum Nachdenken bringen und damit auch in der Zukunft etwas Positives zu bewirken. Du musst unbedingt weiter schreiben. Danke,deine dich liebende Mama

    • Vielen, vielen Dank für den super netten Kommentar. Da werde ich gleich ganz rot. 🙂
      Freut mich, dass dir dieser und andere Artikel so gut gefallen. Und eines steht ohnehin fest, ich werde definitiv fleißig weiterschreiben. 🙂

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