Gewohnheiten durchbrechen, Veränderungen zulassen

Zeit für Veraenderung

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Nicht umsonst neigen wir dazu jahrelang dieselben Tätigkeiten auszuüben, denselben Weg zu beschreiten und dieselben Träume zu träumen. Doch manchmal reicht das Gewohnte nicht mehr. Manchmal braucht es mehr als das, um glücklich und zufrieden zu sein. Diesen Moment, in dem das Vertraute anfängt langweilig zu werden und nur noch aufgrund von Sicherheit und Bequemlichkeit aufrechterhalten wird, gilt es zu erkennen. Und das am besten so früh wie möglich. Denn wenn wir diesen Moment versäumen und den inneren Wunsch nach Veränderung ignorieren, dann beginnt eine Entwicklung, die sich mit jedem verstrichenen Tag schwieriger aufhalten lässt.

Mit jedem Tag, an dem man sich selbst zwingt etwas zu erledigen, was man eigentlich nicht tun möchte, bekommt unser innerer Widerstand einen kleinen Riss. Mit jedem Verschieben auf morgen rückt der erste Schritt zu einer tatsächlichen Veränderung ein Stück weiter weg. Geschieht dies nun über Jahre hinwegkommt man irgendwann zu einem Punkt, an dem man Träume und Ziele nicht mehr als machbar, sondern als dumme Träumerei abtut. Man hat schließlich bereits seit Jahren nach Schema F gelebt und im Großen und Ganzen darf man sich eigentlich nicht beschweren. Aber ist dem wirklich so? Müssen wir uns stillschweigend mit dem Status X abfinden? Nur weil alles Andere ein gewisses Risiko mit sich bringt, dass wir nicht mehr eingehen möchten?

Soll das wirklich alles sein?

Veränderungen werden nicht nur oft negativ dargestellt, sondern auch in unserer Wahrnehmung als unvorhersehbar und daher potenziell gefährlich eingestuft. Und das ist bis zu einem gewissen Maß auch absolut in Ordnung. Aber wir müssen auch lernen mit dieser Angst umzugehen und diese zu hinterfragen. Zum Beispiel mit der simplen Frage: Was wäre das schlimmste Szenario, dass sich durch eine Veränderung ergeben könnte und wie schlimm wäre es tatsächlich? Oftmals zeigt bereits dieses einfache und kurze Gedankenexperiment, wie irrational die vorhandenen Sorgen und Ängste eigentlich sind.

Was mir in den letzten Jahren vermehrt aufgefallen ist, ist dass einige Menschen auf Vorschläge zur Veränderung negativ reagieren weil sie diese als negative Bewertungen ihres bisherigen Lebens deuten. Dabei stimmt dies nur in den wenigsten Fällen. Meistens ist es einfach so, dass man sich selbst beziehungsweise unsere Gesellschaft sich einfach weiter entwickelt hat und man daher bei einigen Abläufen nachjustieren muss. Es ist schließlich das Normalste auf der Welt, das sich Hobbys, Beziehungen, Abläufe oder Wünsche ändern. Warum sollten wir uns also davor fürchten Veränderungen zuzulassen, wenn sich ohnehin an allen Ecken und Enden ständig etwas verändert? Alles ist im Wandel. Egal ob unsere Art der Kommunikation, unser Planet oder schlichtweg wir selbst. Und egal wie sehr wir uns an Vergangenes klammern und diesen vertrauten Status aufrechterhalten wollen. Es wird uns nicht gelingen, die Zeit anzuhalten. Was bleibt uns also Anderes übrig als Veränderungen positiv zu begegnen?

Den Blickwinkel ändern

Ich kann es absolut nachvollziehen, dass der Mensch sich nach Stabilität und Sicherheit sehnt und dabei andere Bedürfnisse hinten anreiht. Doch muss der Wunsch nach Beständigkeit auch gleichzeitig sämtliche, möglichen Veränderungen als negativ abstempeln? Ich glaube, hier müssen wir selbst an uns arbeiten und diese Ängste abbauen. Wir haben schließlich nur ein Leben und ich für meinen Teil möchte nicht 40 Jahre ein und dieselbe Tätigkeit ausüben. Ebenso wenig wie ich die nächsten 40 Jahre immer wieder dieselben 10 Mahlzeiten zu mir nehmen möchte oder ständig dieselben Bücher lesen möchte.

Veränderungen bereichern unser Leben. Wir müssen nur den Mut haben dies zu erkennen und uns darauf einzulassen. Wenn ich die letzten drei bis vier Jahre meines Lebens hernehme, dann muss ich unweigerlich grinsen. Trotz der schlechten Zeiten, trotz der teils mühsamen Jobs und vor allem trotz der traurigen Entwicklungen, die unsere Welt in den letzten Jahren in Atem halten. Denn es wird immer schlechte Zeiten geben und es wird immer Entscheidungen geben, die man im Nachhinein bereut. Dennoch ist jede Erfahrung, irrelevant ob positiv oder negativ, ein Teil des persönlichen, zurückgelegten Weges. Und da wir Vergangenes nicht verändern können, können wir nur unseren Blickwinkel anpassen.

Meine Erkenntnis

Das mag nun vielleicht merkwürdig klingen, aber wenn ich alles noch mal durchleben könnte, dann würde ich jede Entscheidung exakt wieder so treffen, wie ich es bereits getan habe. Nicht weil keine schlechten Entscheidungen dabei waren und nicht weil ich nicht genügend dumme und ärgerliche Fehler begangen habe. Aber aus dem einfachen Grund, dass ich glaube, dass jede Entscheidung die ich in der Vergangenheit getroffen habe seinen Teil dazu beigetragen hat, dass ich der Mensch geworden bin, der ich heute bin.

Diese Erkenntnis hat mir nicht nur dabei geholfen glücklicher, sondern auch mutiger zu sein. Diese Feststellung hilft mir zum Beispiel auch dabei neue Wege einzuschlagen, ohne sämtliche Schritte im Voraus zu kennen. Einfach drauf los zu marschieren mit dem Wissen, egal was in nächster Zeit passiert, ich werde aus den zukünftigen Erfahrungen profitieren und als veränderter Mensch daraus hervorgehend. Und diese Erkenntnis ist nicht nur unheimlich spannend, sondern sozusagen meine Stabilität und Sicherheit, an der ich mich festhalte. Mit anderen Worten, das Wissen ständige Veränderung nicht aufhalten zu können, sondern dieser positiv zu begegnen befriedigt meinen inneren Wunsch nach Beständigkeit mehr als jeder feste Job es bis dato geschafft hat.

Whistleblowerin Chelsea Manning begnadigt

Demonstration Free Chelsea Manning

Neuigkeiten im Bereich Netzpolitik waren in den letzten Monaten zumeist negativ behaftet. Kein Wunder, nachdem Beschluss des neuen Staatsschutzgesetzes und den neuen Plänen von Innenminister Wolfgang Sobotka zum Thema „lückenlose Überwachung“, blieb wenig Platz für positive Nachrichten. Umso erfreulicher, dass Barack Obama kurz vor dem Ende seiner zweiten Amtszeit heute für positive Schlagzeilen sorgt. Immerhin konnte er damit auch Edward Snowden ein „Thanks, Obama“ entlocken.

Denn Obama hat überraschend die Wikileaks-Informantin und Whistleblowerin (bedeutet übersetzt so viel wie Aufdeckerin) Chelsea Manning begnadigt. Die 29 Jährige wurde 2013 von einem Militärgericht wegen Spionage und Geheimnisverrats zu 35 Jahren Haft verurteilt. Doch wie heute bekannt wurde, wird Frau Manning vorzeitig entlassen, genauer gesagt am 17. Mai 2017.

Wer ist Chelsea Manning eigentlich?

Chelsea Manning, vormals als Bradley Manning bekannt, war Soldat im Irak Krieg und wurde durch die Weitergabe geheimer Militärdokumente an Wikileaks bekannt. Chelsea Manning hatte im Jahr 2010 rund 700.000 Dokumente an die Enthüllungsplattform weitergegeben und damit für einige Furore gesorgt. Unter den Dateien waren unter anderem Videoaufzeichnungen des tödlichen Beschusses unbewaffneter Zivilisten und Fotografen der Nachrichtenagentur Reuters durch einen amerikanischen Kampfhubschrauber im Jahr 2007. ( Video )

Ebenfalls in den geleakten Dokumenten enthalten waren Hunderte Berichte über Missbrauch und Folter durch irakische Sicherheitskräfte, private Sicherheitsfirmen und unzählige weitere Verbrechen, die durch das amerikanische Militär geheim gehalten wurden.

Manning war zuletzt 2013 durch ein Gnadengesuch und zwei Selbstmordversuche erneut in die Medien gekommen. Manning die bereits seit Jahren in ihrem Privatleben offen androphil lebte, hatte im August 2013 öffentlich verlautbart, ab sofort eine Frau zu sein. Die rechtskräftige Namensänderung folge im April 2014 in Chelsea Elizabeth Manning. Besonders prekär an ihrer Situation ist die Tatsache, dass Manning als einzige Frau in einem Gefängnis für männliche Straftäter untergebracht ist. Nach einem Hungerstreik hatte die US Armee 2015 schließlich die Erlaubnis zur Hormontherapie erteilt.

Öffentlicher Diskurs

Manning wollte mit der Weitergabe der Dokumente eine öffentliche Debatte zu den Irak und Afghanistan Feldzügen der USA anstoßen und die verschwiegenen Missstände aufzeigen. Doch da Whistleblower nicht gern gesehen sind wurde versucht, an Chelsea Manning ein Exempel zu statuieren. Die Staatsanwaltschaft forderte ursprünglich mindestens 60 Jahre Haft und eine Geldstrafe von über 100.000 Dollar. Nachdem Manning im schwersten Anklagepunkt „Unterstützung des Feindes“ allerdings freigesprochen wurde und die Verteidigung auf eine niedrigere Strafe plädierte, fiel die Strafe milder aus.

35 Jahre sind es dennoch geworden weil sie versucht hatte, Informationen und Verbrechen an die Öffentlichkeit zu bringen, die das Militär und die US Regierung lieber verschwiegen hätten. Umso erfreulicher ist es nun, dass es „nur“ 7 Jahre geworden sind und Manning bereits im Mai diesen Jahres wieder freigelassen wird.

Quelle 1
Quelle 2
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„Es geht nicht um Sicherheit, sondern um Macht!“

Ueberwachungskamera - Ueberwachung bedeutet Macht

Wolfgang Sobotka (ÖVP) sorgt bereits kurz nach Neujahr mit seinem Plädoyer für mehr Überwachung für blankes Entsetzen bei Experten. Eine möglichst „lückenlose Überwachung“ sei das Ziel für zukünftige Sicherheitsmaßnahmen. Fußfesseln für Verdächtige, die Vernetzung sämtlicher Überwachungskameras und das Abhören von Gesprächen in Autos sind nur einige wenige Dinge, die unser Innenminister für das Jahr 2017 geplant hat.

Anonymität ist nur was für Kriminelle

Ebenfalls ein Dorn im Auge des Herrn Sobotkas sind die derzeit noch anonym erwerbbaren Handywertkarten. Diese dienen laut Innenminister primär Kriminellen und müssen daher abgeschafft werden. Auch das Projekt Bundestrojaner steht wieder auf der Agenda und soll nach Fertigstellung beim Aufspüren von Schadprogrammen, Urheberrechtsverletzungen und Hasspostings eingesetzt werden. Ursprünglich gab es bereits im vergangenen Jahr Pläne zum Einsatz des sogenanten Bundestrojaners. Nach reichlicher Kritik, unter anderem von der TU Wien, dem AK Vorrat und anderen Initiativen und Organisationen wurden die Pläne aber im Sommer 2016 auf Eis gelegt. Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) hatte die Pläne im Juni 2016 als „nicht sinnvoll“ bezeichnet und hatte angekündigt, dass man sich „etwas anderes überlegen“ werde. Nun scheint die Evaluierungsphase ein Ende gefunden zu haben und Wolfgang Sobotka stellt den Vorschlag erneut zur Diskussion. Hoffentlich wird auch in diesem Jahr die Vernunft siegen und das Projekt wird ein für alle Mal eingestellt.

Mehr Macht statt Sicherheit

Welche der geplanten Maßnahmen bereits in Arbeit sind und welche derzeit noch als undurchdachte Ideen bezeichnet werden können, ist im Moment nicht bekannt. Was allerdings klar ist, ist das keine der angedachten Maßnahmen zur Maximierung der Sicherheit in unserem Land angedacht sind, sondern lediglich mehr Macht für Legislative, Exekutive und Co bedeuten. Wie sonst lassen sich die Wünsche nach Massenüberwachung, die Vorverurteilung von Verdächtigen und die Vernetzung sämtlicher privaten Sicherheitskameras erklären? Hier geht es nicht um mehr Sicherheit für die Bürgerinnen und Bürger. Hier geht es schlicht und ergreifend um Macht. Macht, geschickt getarnt unter dem Deckmantel von mehr Sicherheit.

Die Nadel im Heuhaufen

Leider ist unserem Innenminister ein kleiner aber grundlegender Fehler bei der Konzeptionierung unterlaufen. Staaten scheitern nicht mangels Daten bei der Terrorbekämpfung, sondern sie scheitern aufgrund unzureichender Bewertung. Bereits jetzt hat unsere Exekutive Zugriff auf Unmengen an Daten. Das einzige Problem an der Sache ist aber dennoch die Auswertung. Denn was nutzen im ersten Schritt tausende Datensätze, wenn ich im zweiten Schritt nicht weiß, welche Informationen nützlich und welche es nicht sind?

Anstatt also klare Richtlinien und Möglichkeiten zu schaffen bereits vorhandene Daten zu analysieren, wird lieber der Heuhaufen konstant weiter vergrößert. Mit jedem stattgefundenen Terroranschlag wächst in der Bevölkerung die Angst. Und wenn Menschen Angst haben, neigen sie dazu vorschnell Entscheidungen zu treffen. Besonders Lösungen, die auf den ersten Blick sinnvoll und logisch erscheinen, sind dann schnell hoch im Kurs. Auch wenn auf lange Sicht eventuell neue, sogar schwerwiegendere Probleme geschaffen werden. Hauptsache auf kurze Sicht sind wir wieder in Sicherheit.

Es geht um unsere Rechte

Wir dürfen unsere Freiheiten und Rechte nicht voreilig dem Ruf nach mehr Sicherheit opfern. Denn für diese Freiheiten und Rechte wurde über Jahrzehnte und Generationen hinweg gekämpft. Mehr Überwachung mag für viele Menschen gleichbedeutend mit mehr Sicherheit sein, aber nichts bedroht unser Recht auf eine freie Meinungsäußerung so sehr, wie es eine lückenlose Überwachung tun würde. Wir müssen skeptisch bleiben und nachhacken welche möglichen Konsequenzen neue Gesetze mit sich bringen können. Denn kein System ist perfekt und selbst Maßnahmen mit einer 99-prozentigen Chance der korrekten Identifikation von Kriminellen lassen immer noch genügend Spielraum für falsche Beschuldigungen.

Wer mehr zum Thema lesen möchte und vielleicht noch Argumente für zukünftige Diskussionen benötigt, dem möchte ich Teil 1 und Teil 2 meiner Beitragsreihe „Bringt mehr Überwachung wirklich mehr Sicherheit?“ ans Herz legen.

Quelle
Anmerkung Überschrift: Zitat von Edward Snowden ( heise.de )

Jeder Einkauf ist eine Stimmabgabe

zurückgelassene Einkaufswägen

Man hört es mittlerweile öfter als das Amen im Gebet. „Ja, aber was ändert es wenn ich das nicht mehr kaufe? Alle anderen kaufen es ja dennoch.“ Es sind solche und ähnliche Aussagen, die einem regelrecht die Energie aus den Knochen ziehen. Es ist dieses Predigen von Ohnmacht, was einen zur Verzweiflung bringt. Dabei sind wir alles andere als ohnmächtig.

Gerade in unseren Breitengraden haben wir es tagtäglich selbst in der Hand, was wir kaufen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass unsere Entscheidung nicht nur uns selbst betreffen, sondern wesentlich weitere Kreise ziehen als uns im ersten Moment bewusst ist. Unsere Kaufentscheidung ist schließlich unser wichtigstes Werkzeug um Unternehmen und Anbietern zu zeigen, was gewünscht ist und was nicht. Ein Einkauf ist ein klares Statement, das wenig Raum für Interpretationen lässt.

Denn wenn ich in einem großen, internationalen Bekleidungsgeschäft ein T-Shirt um 5 € kaufe, dann muss mir klar sein, was alles dahinter steckt. Vielleicht war es Kinderarbeit, vielleicht wurden bei der Herstellung des Stoffes umweltschädliche Chemikalien ins Wasser des jeweiligen Landes gepumpt oder vielleicht sind sogar schon einige Menschen in den Produktionshallen gestorben. Vielleicht treffen sogar alle drei Punkte zu? Wir wissen es nicht und es interessiert uns auch nicht. Hauptsache das T-Shirt kostet nur 5 € und ist in der Trendfarbe des Monats gehalten. In zwei bis drei Monaten ist es sowieso uninteressant geworden, denn dann kommt ja schon wieder die neue Kollektion.

Überlegt was ihr finanziert

Wir haben das Glück auf diesem Fleckchen Erde geboren worden zu sein. In einer Gesellschaft, in der man es tagtäglich selbst in der Hand hat was auf den Teller kommt, welche Kleidung getragen wird und welche Verkehrsmittel genutzt werden. Am anderen Ende der Welt sieht das ganze völlig anders aus. Kleinbauern in Afrika zum Beispiel haben derlei Möglichkeit nicht zur Auswahl. Diese müssen mit den verfügbaren Ressourcen bestmöglich umgehen, um überleben zu können. Was dort überlebenswichtige Entscheidungen sind, ist bei uns lediglich eine Frage des Komforts.

Es ist also unsere Pflicht von unseren Möglichkeiten Gebrauch zu machen und unsere Stimmen zu erheben. Ein Herunterspielen unserer Chancen und Optionen wäre nicht nur beinhart gelogen, sondern auch pure Arroganz gegenüber all jenen, die für unsere billigen Produkte ihre Gesundheit riskieren. Ausreden a la „Ist doch egal ob ich das jetzt kaufe oder nicht. Alle anderen kaufen es ja auch.“ sind ein plumper Schlag ins Gesicht aller Menschen auf diesem Planeten, die bei der Geburt weniger Glück hatten als wir. Wir dürfen nicht Kleidung aus Fabriken mit Kinderarbeit kaufen nur weil es alle tun. Wir dürfen auch nicht kiloweise Fleisch aus Massentierhaltung in uns hineinstopfen nur weil es bei uns Usus ist. Und wir dürfen schon gar nicht andere Menschen ins Lächerliche ziehen, die versuchen diese Umstände zu ändern.

Denn es ist bereits anstrengend genug diese Veränderungen selbst leben zu wollen, ohne dass man sich auch noch mit gedankenlosen Kommentaren herumschlagen muss. Natürlich wird keiner von uns von heute auf morgen in jedem Lebensbereich perfekt leben, aber jeder Schritt hilft. Jede Veränderung kann andere inspirieren, jeder Verzicht bedeutet ein paar € weniger in den Taschen von skrupellosen CEOs und jeder bewusste Einkauf wiegt erheblich mehr als unzählige, kopflose Einkäufe. Jede Veränderung die einem gelingt, stärkt das Selbstvertrauen und man gewinnt weitere Kraft für die nächste Veränderung. Und die werdet ihr brauchen. Denn beginnt man einmal das Gegebene zu hinterfragen, so nimmt dieser Prozess so schnell kein Ende. Und das ist etwas unglaublich Wunderbares!

Wir haben täglich die Wahl

Jeder Einkauf, jede Scheibe Wurst, jedes Paar Socken ist eine Stimmabgabe. Wir entscheiden selbst, welche Produktionsarten, Transportwege und Produkte wir unterstützen und finanziell fördern. Jeder Mensch hat selbst die Verantwortung für sein Handeln zu tragen. Und ja nachhaltig produzierte Kleidung ist teurer und biologisch hergestelltes Gemüse ebenso. Aber das ist kein Grund diese nicht zu kaufen. Dann kauft man eben nur zwei Pullover in einem Jahr anstatt alle paar Monate ins Einkaufszentrum zu laufen, um sich komplett neu einzukleiden. Dann kauft man eben einmal die Bio-Äpfel und verzichtet dafür auf eine Packung Gummibären.

Wir müssen unsere Arroganz endlich ablegen und wieder Verantwortung für unser Handeln übernehmen. „Das ist bei uns immer schon so“ gilt ebenso wenig als Begründung wie „Aber alle anderen …“. Denn, wenn niemand beginnt festgefahrene Verhaltensmuster zu hinterfragen, dann wird sich auch niemals etwas ändern. Jede Veränderung beginnt als kleiner Impuls in uns selbst. Und so wir selbst Schritt für Schritt Verhaltensmuster verändern können, so muss auch unsere Gesellschaft Person für Person beginnen Veränderungen eine Chance geben.

Wir haben es in der Hand!

Lasst euch nicht einreden, dass euer eigenes Leben keinerlei Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat, denn das ist gelogen. Ein jeder Mensch, der Veränderungen zulässt, inspiriert damit auch andere Menschen aus seinem Umkreis. Ein jeder Mensch der versucht etwas zu verbessern wird automatisch zum Vorbild für andere. Gebt eurem Verstand die Zeit und die Ruhe, um Ideen durchzudenken, bevor ihr sie als „Weltverbesserungs-blabla“ abtut. Stellt euch regelmäßig die Frage „Brauche ich das wirklich?“ bevor ihr etwas kauft und ihr werdet verblüfft sein, wie viel Geld ihr euch erspart.

Was wir heute kaufen, entscheidet über die Welt von morgen. Nutzen wir also unsere Stimmen und machen unsere Welt Schritt für Schritt zu einem besseren Ort!

Eine kleine Geschichte von Übermorgen

Überwachungskameras

Massenüberwachung, Sicherheitskameras an öffentlichen Plätzen, Contentfilter und gefinkelte Algorithmen, die aus Metadaten Verhaltensmuster auslesen und potenzielle Straftäter ausspucken können. Diese und ähnliche Entwicklungen skizzieren ein Furcht einflößendes Zukunftsszenario. Doch wie viel „Zukunft“ steckt eigentlich noch in diesem Szenario?

Stellen wir uns vor…

Nach der Arbeit möchte ich noch schnell einkaufen gehen, aber leider habe ich den Einkaufszettel zu Hause liegen gelassen. Heutzutage kein Problem mehr. Per App werfe ich einen Blick in meinen Kühlschrank und sehe sofort, was noch fehlt. Falls ich dennoch etwas vergessen habe, bestelle ich einfach direkt an der Tür des Kühlschranks per Touchscreen die fehlenden Lebensmittel. Nie wieder ärgern über den vergessenen Brokkoli. Wunderbar. Ein Ärgernis weniger auf meiner Liste.

Aber Moment mal. Kann eigentlich nur ich über das Internet auf meinen Kühlschrank zugreifen? Oder gibt es da vielleicht auch eine Möglichkeit für den Hersteller einen Blick in verkaufte Kühlschränke zu werfen? Egal, ich habe ja nichts zu verbergen. Wissen die Damen und Herren von der NSA eben, dass ich nicht immer Bio, sondern auch manchmal nur konventionelle Fertiggerichte kaufe. Ist halt so. Durch meinen neuen Smart-TV sehen sie mich schon tagtäglich auf der Couch rumliegen, da sind meine Essgewohnheiten ohnehin kein großes Geheimnis mehr.

You‘ve got Mail

Merkwürdig, eine E-Mail meiner Versicherung. Die Prämie meiner Lebensversicherung wurde erhöht. Als Grund werden persönliche Veränderungen angeführt. Ich werfe einen Blick auf meine Smartwatch. 4000 Schritte pro Tag habe ich letzte Woche im Durchschnitt zurückgelegt. Kein besonders berauschender Wert, aber auch nicht allzu wenig. Ich öffne meine Bank-App und überprüfe die letzten Abbuchungen. Vielleicht war ich die letzten Wochen doch öfter auf einen Burger, als es gut für mich ist. Ich nehme mir vor ab morgen wieder mehr Sport zu machen und gesünder zu essen. Mit ein paar Klicks erstelle ich mir direkt einen Trainingsplan für die nächsten Wochen.

Ich setze mich auf die Couch und schalte den Fernseher ein. Eine Werbung für neue Laufschuhe mit eingebautem Gewichtssensor zur automatischen Anpassung der Dämpfung. „Perfekt! Und nur noch heute im Angebot, was für ein Glück!“ schießt es mir in den Kopf. Die muss ich am besten gleich bestellen, dann habe ich morgen keine Ausrede mehr. Zwei kurze Sprachbefehle und schon ist die Bestellung aufgegeben.

Am nächsten Tag auf dem Weg zur Arbeit bekomme ich auf allerlei Reklametafeln Werbung von Laufbekleidung und isotonischen Getränken. Toll diese neue Technik. Endlich bekomme ich nur noch Werbung, die genau auf mich abgestimmt ist. In der Arbeit liegt bereits das gewünschte Paket auf meinem Schreibtisch. Jetzt steht meinem Laufvergnügen wirklich nichts mehr im Wege, also abgesehen von den nächsten 8 Stunden im Büro, aber das gehört eben dazu. Irgendwie muss ich die neuen Laufschuhe schließlich auch bezahlen.

10 Stunden später

Ich blicke auf meine Smartwatch. Bis jetzt habe ich lediglich 2500 Schritte zurückgelegt, dafür ist endlich Feierabend und der Weg frei für mein Laufvergnügen. Wenn ich nur nicht so müde wäre. Egal, ich fahre jetzt nach Hause und entscheide mich dann, ob ich heute noch laufen gehe oder doch lieber morgen. Ich schnappe mir das Paket und mache mich auf dem Heimweg. Wieder erspähe ich überall Werbung für Laufbekleidung, isotonische Getränke, Aktivitätstracker, etc. Eine Anzeige fällt mir in der Straßenbahn besonders auf: „Lebe JETZT und nicht erst morgen!“ Ich beschließe auf alle Fälle heute noch Laufen zu gehen, wer weiß was morgen wieder los ist in der Arbeit. Ein sportlicher Ausgleich täte mir und meiner Prämie sicherlich gut.

No pain, no gain!

„Sie passen perfekt“, sage ich leise vor mich hin, als ich die neuen Laufschuhe anziehe. Nach ein paar kurzen Lockerungsübungen beginne ich gemütlich loszulaufen. Nach einer Viertelstunde werfe ich einen ersten Blick auf meine Uhr. Der Kilometerzähler läuft, Puls ist im grünen Bereich und mein automatisch generierter Trainingsplan schlägt vor noch 5 Kilometer zu laufen.

Nach 4 Kilometern bin ich völlig ausgelaugt, der lange Arbeitstag und die wenige Bewegung in letzter Zeit fordern ihren Tribut. Ich breche mein Training ab und gehe zurück zu meiner Wohnung. Die Smartwatch beginnt lauthals zu piepsen und blinken. „Noch 1 km! Nicht aufgeben!“ Ich drücke es weg und setze meinen Weg fort. Nur kurze Zeit später meldet sich die Uhr erneut. Ich blicke auf das Display und sehe eine neue Nachricht von Martin. Er fragt, ob ich morgen auch bei der Demonstration gegen das neue Datenschutzgesetz dabei bin. Ich antworte ihm, dass ich es mir noch überlegen werde und ich ihm morgen Bescheid gebe.

Der nächste Morgen

Mit einer frischen Tasse Kaffee in der Hand gehe ich von der Gemeinschaftsküche zurück zu meinem Arbeitsplatz. Ich stelle die Tasse auf meinen Schreibtisch und lasse mich in den Sessel fallen. Meine Oberschenkel brennen als hätte ich gestern einen Marathon absolviert, aber ich fühle mich gut. Ich entsperre meinen Computer und erblicke sofort eine Werbung für Magnesiumtabletten gegen Muskelkater. Noch bevor ich die Anzeige wegklicken kann, läutet mein Telefon. Mein Chef möchte mich gerne in seinem Büro sprechen. Ich denke mir nichts weiter dabei, sperre meinen PC und mache mich auf den Weg zur Chefetage.

Der Sekretär begrüßt mich freundlich und bittet mich direkt weiter ins Büro des Chefs. Auch er begrüßt mich mit freundlicher Miene, deutet mir einen freien Stuhl und beginnt zufrieden von meinen bisherigen Leistungen zu erzählen. Ich fühle mich geschmeichelt, bin aber dennoch verwirrt, worauf dieses Gespräch hinauslaufen wird. „Alles in allem leisten sie also sehr gute Arbeit in unserem Unternehmen und wir sind froh sie an Board zu haben. Aber uns ist etwas zu Ohren gekommen, dass uns etwas Sorgen bereitet. Welche Veranstaltungen sie privat besuchen ist selbstverständlich ihre persönliche Entscheidung aber gerade das neue Datenschutzgesetz bringt unseren Unternehmen allerlei Vorteile. Und wenn sie dagegen auf die Straße gehen, dann muss ich mir zwangsweise die Frage stellen, ob sie eigentlich noch mit der richtigen Einstellung an ihre Aufgaben herantreten.“

Ich bin schockiert. Ich versichere ihm nicht an der Demonstration teilnehmen zu wollen und mache mich auf den Weg zu meinem Arbeitsplatz. Auf dem Weg versuche ich zu begreifen, was gerade geschehen ist. Würde er mich wirklich kündigen, wenn ich demonstrieren gehe?

Nicht alles was glänzt…

Auf dem Nachhauseweg erblicke ich ein und dieselbe Reklame gleich auf mehreren Anzeigen. Eine Gruppe Anzugträger steht lachend mit einer Runde Bier in der Hand in einer Bar. Darunter steht: “Ein Kühles Blondes lässt alle Sorgen vergessen“. Erneut zeigt meine Uhr eine Benachrichtigung. Meine Bank möchte mir mitteilen, dass meine Raten für die Wohnung teurer werden, da meine Kreditwürdigkeit herabgestuft wurde. Ich zücke mein Handy und frage meinen Bankberater nach der Ursache. Er erklärt mir, dass mein Unternehmen meine Bewertung von „Sehr zufriedenstellend“ auf „zufriedenstellend“ gesenkt hat und es daher notwendig sei die Zinsen anzupassen. Ich kann es nicht fassen. Ich stecke das Handy ein und versuche den heutigen Tag zu verarbeiten.

Zu Hause angekommen fällt mir ein, dass ich Martin noch Bescheid geben wollte. Ich wähle seine Nummer. Es läutet einige Male, bis sich die Sprachbox meldet. Ich lege auf und beschließe etwas fernzusehen, bis er mich zurückruft. Nach einer kurzen Werbung beginnen die Nachrichten. „Polizei löst Demonstrationszug nach Ausschreitungen auf … Mehrere Demonstranten mit Handschellen an Türen des Innenministeriums gekettet … Dutzende Personen verhaftet … Platzverbote rund um das Innenministerium ausgesprochen …“ Plötzlich läutet es an meiner Tür.

Ich gehe ins Vorzimmer, blicke durch das Guckloch und sehe zwei Polizisten. Ich erstarre und weiß nicht, wie ich reagieren soll. Nervös öffne ich die Türe. Die beiden Beamten bitten mich ihnen auf die Dienststelle zu folgen, sie haben einige Fragen an mich und würden diese gerne in Ruhe durchgehen. Ich nicke und ziehe mir meine neuen Laufschuhe an. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss, als ich die Wohnung verlasse. Kurz bevor ich ins Dienstauto einsteige, meldet sich erneut meine Uhr. „Lauftraining beginnen?“

Dieser Text ist ursprünglich als Kolumne im SHOCK2 C4 eMagazin zum Spiel Watch_Dogs 2 erschienen.