Anderen ihr Glück zu vergönnen ist nicht einfach

Glueck

Nach dem letzten Artikel zum Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ gab es allerlei Rückmeldungen, Diskussionen und auch einige persönliche Gespräche. Das Spannende daran: Viele Leserinnen und Leser stehen dem Thema grundsätzlich positiv gegenüber, haben aber gleichzeitig einige Bedenken bezüglich der Umsetzung. Und das ist auch absolut verständlich, denn ich habe bewusst weder ein klares Konzept vorgelegt noch Antworten auf alle potenziellen Fragen gegeben. Ich wollte sehen wie Menschen auf dieses Thema reagieren. Vor allem ob sie die Vorzüge dieses Systems sich selbst und auch anderen vergönnen würden.

So gab es unter anderem eine interessante Diskussion auf Facebook, aus der ich einiges mitgenommen habe. Die Kommentare haben nicht nur gezeigt, dass das Thema sehr polarisierend ist, sondern vor allem auch, dass es Fragen zur Sprache bringt, mit denen viele Menschen bis dato nicht in Berührung gekommen sind. Es werden dabei zum Beispiel Fragen aufgeworfen, ob man seinen Job auch weiterhin ausüben würde, wenn man das Gehalt unabhängig davon garantiert bekommen würde. Ob man anderen Menschen ein solches Sicherheitsnetz überhaupt vergönnen würde. Und vor allem stellt es die Frage in den Raum, ob dieses andersartige System in unserer Gesellschaft überhaupt funktionieren würde. Stichwort: Schmarotzerparadies. Und ich muss sagen, ich finde es gut, dass solche Fragen aufkommen.

Aber warum?

Nur durch Fragen werden wir auf Fehler aufmerksam. Nur durch Fragen können wir Mittel und Lösungen finden, um etwas zu verbessern. Und das sollte doch das Ziel einer gesunden Gesellschaft sein. Diese stetig und nachhaltig zu verbessern ohne davor zurückzuschrecken, gewisse Bereiche zu thematisieren und zu hinterfragen. Auch wenn diese auf den ersten Blick funktionieren, und bereits seit vielen Jahren genauso angewendet werden. Denn nur weil etwas schon lange so ist, heißt das nicht, dass es auch etwas Gutes ist. Wir selbst als Kinder haben ursprünglich genau so angefangen. Neugierig, frech und ständig auf der Suche nach der Sinnhaftigkeit von Regeln und Vorschriften. Warum muss ich das so machen? Warum muss ich dorthin gehen? Warum kann ich das nicht anziehen? Die ewige Frage nach dem „Warum“ muss wieder an Bedeutung gewinnen. Dann werden wir schon bald bemerken, wie viele Angewohnheiten eigentlich sinnlos sind. Und das ist etwas Gutes, etwas Befreiendes!

Nicht von heute auf morgen

Denn sein wir uns doch ehrlich. Die Vorstellung, in einem Land zu leben, in dem jeder Mensch genau das tun und arbeiten kann, was er/sie möchte, ohne Angst vor dem Verlust der Existenzgrundlage, ist doch großartig. Wir müssen es nur wieder lernen anderen Menschen auch ihr Glück zu vergönnen. Ob dies nun nach unseren Vorstellungen geschieht oder nach ihren eigenen spielt dabei keine Rolle. Wir müssen wieder lernen, dass unser System mit seiner Gleichmacherei nicht der richtige Weg ist. Jeder Mensch ist verschieden und jeder Mensch hat das Recht seine Andersartigkeit auch ausleben zu dürfen. Sei es nun in einem unüblichen Job, einem ausgefallenen Outfit oder mit einer anderen Art durch unsere Welt zu gehen.

Wir müssen lernen diese Einzigartigkeit der Menschen nicht nur zu tolerieren, sondern diese auch zu akzeptieren und vor allem zu respektieren. Solange eine Lebensweise keinerlei andere Lebewesen einschränkt oder schädigt, hat niemand das Recht diese Art zu Leben schlecht zu machen. Oder nehmen wir einmal die 40 Stundenwoche als Beispiel. Diese ist schlicht und ergreifend nicht für alle Menschen gleichermaßen zu bewältigen. Viele Menschen stecken dermaßen in diesem Rad fest, dass sie Jahre später aufwachen und glauben ihr halbes Leben verpasst zu haben. Midlife-Crisis und Burnout sind nur zwei Symptome. Was eine Person ohne Probleme wegstecken kann, bedeutet für eine andere vielleicht pures Unglück. Und das müssen wir wieder lernen. Niemand kann für jemanden anderen bestimmen, was der richtige Weg ist. Das können wir nur für uns selbst beurteilen.

Warum hast du deinen tollen Job gekündigt?

Wenn wir aufhören andere Menschen ständig für ihre Lebensentscheidungen zu verurteilen, dann können wir uns auch wieder mehr auf unsere eigenen Entscheidungen konzentrieren. Wieder ein Gefühl dafür entwickeln, auf uns selbst zu hören. Eigene Grundsätze aufzustellen und nicht darauf zu verlassen was andere einem als unumgängliches Fixum verkaufen wollen. Weg von der Leistungsgesellschaft, in der man nur etwas „wert“ ist, wenn man zuvor auch etwas geleistet hat. Und hin zu einer Gesellschaft, die sich gegenseitig wieder etwas vergönnt. Die Aussteiger und diejenigen die in diesem System einfach nicht zurechtkommen nicht ausschließt, sondern ernst nimmt und auffängt. Hin zu einem großen Miteinander und weg von „perfekten“ Vorbildern, die exakt nach Plan leben, nur um mehr zu haben als andere.

Denn braucht man dieses „mehr“ überhaupt? Müssen wir uns stetig mehr leisten als andere? Oder haben wir uns vielleicht gar einreden lassen, dass es uns erst gut gehen kann, wenn wir Summe X verdienen, Auto Y fahren und in einem Haus mit Z Quadratmetern wohnen? Denn alles, was in unserer Gesellschaft nicht messbar ist, wird sofort als wertlos und unnütz abgestempelt. So lernen wir unseren Kindern bereits von klein auf: Nur wer messbare Leistung bringt – also gute Noten – verdient auch etwas. Alle anderen fallen leider durch den Raster und gelten als wertlos für unsere Gesellschaft. Und allein dieser Punkt sollte uns zu denken geben.

Zum Ausklang

In den letzten Jahren habe ich vieles über mich selbst gelernt. Und eines davon ist die Tatsache, dass ich viel entspannter geworden bin, seitdem ich aufgehört habe Dingen als wichtig oder erstrebenswert zu erachten, die es eigentlich nicht sind. Weder das hohe Gehalt noch das regelmäßig in den Urlaub fahren machen einen dauerhaft glücklich. Es verhilft einem zwar immer wieder vorübergehend zu Glücksgefühlen. Aber zum richtigen Glück braucht es vor allem eines: Man muss wieder lernen, mit sich selbst allein sein zu können. Und dazu gehört sich mit seinen eigenen Fehlern abzufinden, sich selbst zu akzeptieren wie man ist und Entscheidungen zu treffen, hinter denen man zu 100 % stehen kann. Dann kann man auch akzeptieren, dass andere Menschen einen anderen Weg einschlagen und ihnen ihr Glück auch von ganzen Herzen vergönnen.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Freiheit statt Zwang

Spätestens seit Anfang Juni als die Schweizer über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (= BGE) abgestimmt haben, ist das Thema in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Und obwohl unsere Nachbarn den Antrag abgelehnt haben, so gab es doch eine Zustimmung von immerhin 23 Prozent. Für einen ersten Versuch ein sehr gutes Ergebnis, dass vor allem für eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema sorgen wird. Doch was ist mit einem bedingungslosen Grundeinkommen eigentlich gemeint? Und würde dann überhaupt noch jemand arbeiten gehen?

Was ist ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es der Name bereits vermuten lässt, gewährt jedem Menschen ein festgelegtes und gleich hohes monatliches Grundeinkommen. Der Clou an der Sache: Es muss keine Gegenleistung erbracht werden. Unabhängig davon, ob man Langzeitarbeitsloser, frischer Schulabgänger oder Angestellter ist. Jeder Mensch würde garantiert eine bestimmte Summe im Monat ausgezahlt bekommen. Wer mehr verdienen möchte, kann natürlich weiterhin einem Job nachgehen und sich dadurch das eigene Konto aufbessern. Dafür wären bisherige Sozialleistungen, wie zum Beispiel Arbeitslosengeld, Notstandshilfe, Mindestsicherung, etc. durch das BGE ersetzt bzw. obsolet.

Wer würde dann noch arbeiten?

Kaum jemand würde nach der Einführung des BGE nicht mehr arbeiten gehen. Allerdings glaubt nahezu jeder, dass alle Anderen nicht mehr arbeiten gehen würden. Ist das nicht ein bisschen absurd? Natürlich würden Menschen weiterhin arbeiten gehen, allein schon um mehr Geld auf dem Konto zu haben und um sich mehr leisten zu können. Würde ein BGE in Österreich eingeführt werden, dann würden wir vermutlich von ungefähr 1000 € pro Monat sprechen. Das ist bei Weitem keine Riesensumme, von der man in Saus und Braus leben könnte, aber es wäre genug um nicht Existenzängste haben zu müssen.

Es nimmt den Menschen den Druck

Burn-out, Überstunden & Langzeitarbeitslose sind nur drei stellvertretende Begriffe, für verbreitete und akzeptierte Nebenerscheinungen unserer modernen und fortschrittlichen Gesellschaft. Arbeit ist nicht mehr eine Chance zur Selbstverwirklichung, sondern wurde degradiert zur reinen Lohnarbeit mit nur einem Zweck: Geld verdienen. Denn ohne Geld kommt man bekanntlich nicht weit. Zumindest in unseren Breitengraden. Wie man sich vorstellen kann oder vielleicht bereits am eigenen Leib erfahren hat, erzeugt diese Tatsache einen gewissen Druck. Vor allem Menschen, die keine Ausbildung, ein gewisses Alter oder einen Job gelernt haben, der auf wenig Nachfrage stößt, spüren diesen. Sei es der Druck sich ständig erklären zu müssen, warum man nicht etwas anderes gelernt hat bzw. bereits früher etwas für schlechte Zeiten beiseitegelegt hat. Oder die Angst ob man sich morgen überhaupt noch die Miete bzw. etwas zu Essen leisten kann. So oder so keine schöne Vorstellung.

Auch wenn es mittlerweile Usus sein mag Druck als Motivator zu missbrauchen, so halte ich es dennoch für den falschen Weg. Denn wollen wir wirklich von Menschen umgeben sein, die nur Lohnarbeit verrichten, um zu überleben? Nur weil Geld als Druckmittel so gut funktioniert? Wäre eine Gesellschaft abseits von Zwängen nicht eine viel lebenswertere und erstrebenswertere? Eine Gesellschaft, in der jede Frau und jeder Mann entscheiden kann, was sie bzw. er tun möchte, ohne permanent in eine vorbestimmte Richtung gedrückt zu werden. Und ohne dem permanenten Herunterbeten der immer gleichen phrasenhaften Ausreden à la: „Das Leben ist nunmal hart“, „Hätte ich früher doch nur was Anständiges gelernt“ und „Irgendwer muss das doch schließlich machen“.

Aber wer macht dann noch die ganzen Drecksjobs?

Ganz einfach: niemand. Außer natürlich wir würden diese Jobs in Zukunft ausreichend entlohnen, für ordentliche Arbeitsbedingungen und -zeiten sorgen und den Menschen, die diese Arbeiten verrichten, endlich mehr Wertschätzung entgegen bringen. Wir alle wissen, dass es sich um unwürdige und schlecht bezahlte Drecksjobs handelt. Dennoch tolerieren wir es, dass Menschen diese Tätigkeiten erledigen, weil sie keine andere Wahl haben und auf das Geld angewiesen sind. Und nur weil es sich dabei um Jobs handelt, die jede bzw. jeder machen kann, heißt das nicht, dass wir diejenigen auch noch unterdrücken und schlecht bezahlen dürfen. Wenn es allerdings ein BGE in unserem Land gäbe, so würden wir diesen Menschen auch die Entscheidungsfreiheit geben, ob sie den Job weiterhin ausüben möchten oder nicht.

Was würdet ihr tun?

Bevor ich mir nun dutzende Fragen zur Umsetzung schickt, beantwortet für euch selbst die folgenden Fragen: Was würdet ihr tun, wenn ihr ein bedingungsloses Grundeinkommen hättet? Was würdet ihr tun, wenn egal was auch passiert, eure Fixkosten auf jeden Fall gedeckt wären und ihr euch darüber keine Sorgen mehr machen müsstet? Würdet ihr weiterhin im selben Job arbeiten? Würdet ihr genauso weiterleben wie bisher? Oder würdet ihr euch vielleicht, dank dieser Sicherheit, endlich dazu aufraffen, eine Veränderung in eurem Leben durchzuführen? Wie wäre es endlich etwas in Angriff nehmen zu können, das ihr bereits zahllose Jahre vor euch hergeschoben habt, weil es neben einer Vollzeitanstellung einfach nicht machbar ist?

Wäre das nicht eine super Sache? Wäre das nicht eine Chance für alle Menschen endlich das tun zu können, was ihnen wirklich Spaß macht? Nun werden einige denken, das Leben ist aber nicht nur Spaß. Aber warum ist das überhaupt so und kann man das nicht wieder ändern? Natürlich kann so etwas nicht von heute auf morgen eingeführt werden und alle sind glücklich. Aber ich finde, es ist ein Ziel, das es wert ist zu verfolgen.

Mehr Informationen gefällig?

Für alle, die nun mehr zum Thema lesen möchten, empfehle ich die folgende Webseite zur Schweizer Volksabstimmung zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen. Das folgende Interview mit dem Gründer der Webseite Mein-Grundeinkommen.de. Und für alle, die nicht mehr abwarten wollen, bis das bedingungslose Grundeinkommen endlich eingeführt wird, auf Mein-Grundeinkommen.de könnt ihr regelmäßig Grundeinkommen für ein Jahr gewinnen. Ohne jegliche Bedingungen versteht sich. 🙂