Eine kleine Geschichte von Übermorgen

Überwachungskameras

Massenüberwachung, Sicherheitskameras an öffentlichen Plätzen, Contentfilter und gefinkelte Algorithmen, die aus Metadaten Verhaltensmuster auslesen und potenzielle Straftäter ausspucken können. Diese und ähnliche Entwicklungen skizzieren ein Furcht einflößendes Zukunftsszenario. Doch wie viel „Zukunft“ steckt eigentlich noch in diesem Szenario?

Stellen wir uns vor…

Nach der Arbeit möchte ich noch schnell einkaufen gehen, aber leider habe ich den Einkaufszettel zu Hause liegen gelassen. Heutzutage kein Problem mehr. Per App werfe ich einen Blick in meinen Kühlschrank und sehe sofort, was noch fehlt. Falls ich dennoch etwas vergessen habe, bestelle ich einfach direkt an der Tür des Kühlschranks per Touchscreen die fehlenden Lebensmittel. Nie wieder ärgern über den vergessenen Brokkoli. Wunderbar. Ein Ärgernis weniger auf meiner Liste.

Aber Moment mal. Kann eigentlich nur ich über das Internet auf meinen Kühlschrank zugreifen? Oder gibt es da vielleicht auch eine Möglichkeit für den Hersteller einen Blick in verkaufte Kühlschränke zu werfen? Egal, ich habe ja nichts zu verbergen. Wissen die Damen und Herren von der NSA eben, dass ich nicht immer Bio, sondern auch manchmal nur konventionelle Fertiggerichte kaufe. Ist halt so. Durch meinen neuen Smart-TV sehen sie mich schon tagtäglich auf der Couch rumliegen, da sind meine Essgewohnheiten ohnehin kein großes Geheimnis mehr.

You‘ve got Mail

Merkwürdig, eine E-Mail meiner Versicherung. Die Prämie meiner Lebensversicherung wurde erhöht. Als Grund werden persönliche Veränderungen angeführt. Ich werfe einen Blick auf meine Smartwatch. 4000 Schritte pro Tag habe ich letzte Woche im Durchschnitt zurückgelegt. Kein besonders berauschender Wert, aber auch nicht allzu wenig. Ich öffne meine Bank-App und überprüfe die letzten Abbuchungen. Vielleicht war ich die letzten Wochen doch öfter auf einen Burger, als es gut für mich ist. Ich nehme mir vor ab morgen wieder mehr Sport zu machen und gesünder zu essen. Mit ein paar Klicks erstelle ich mir direkt einen Trainingsplan für die nächsten Wochen.

Ich setze mich auf die Couch und schalte den Fernseher ein. Eine Werbung für neue Laufschuhe mit eingebautem Gewichtssensor zur automatischen Anpassung der Dämpfung. „Perfekt! Und nur noch heute im Angebot, was für ein Glück!“ schießt es mir in den Kopf. Die muss ich am besten gleich bestellen, dann habe ich morgen keine Ausrede mehr. Zwei kurze Sprachbefehle und schon ist die Bestellung aufgegeben.

Am nächsten Tag auf dem Weg zur Arbeit bekomme ich auf allerlei Reklametafeln Werbung von Laufbekleidung und isotonischen Getränken. Toll diese neue Technik. Endlich bekomme ich nur noch Werbung, die genau auf mich abgestimmt ist. In der Arbeit liegt bereits das gewünschte Paket auf meinem Schreibtisch. Jetzt steht meinem Laufvergnügen wirklich nichts mehr im Wege, also abgesehen von den nächsten 8 Stunden im Büro, aber das gehört eben dazu. Irgendwie muss ich die neuen Laufschuhe schließlich auch bezahlen.

10 Stunden später

Ich blicke auf meine Smartwatch. Bis jetzt habe ich lediglich 2500 Schritte zurückgelegt, dafür ist endlich Feierabend und der Weg frei für mein Laufvergnügen. Wenn ich nur nicht so müde wäre. Egal, ich fahre jetzt nach Hause und entscheide mich dann, ob ich heute noch laufen gehe oder doch lieber morgen. Ich schnappe mir das Paket und mache mich auf dem Heimweg. Wieder erspähe ich überall Werbung für Laufbekleidung, isotonische Getränke, Aktivitätstracker, etc. Eine Anzeige fällt mir in der Straßenbahn besonders auf: „Lebe JETZT und nicht erst morgen!“ Ich beschließe auf alle Fälle heute noch Laufen zu gehen, wer weiß was morgen wieder los ist in der Arbeit. Ein sportlicher Ausgleich täte mir und meiner Prämie sicherlich gut.

No pain, no gain!

„Sie passen perfekt“, sage ich leise vor mich hin, als ich die neuen Laufschuhe anziehe. Nach ein paar kurzen Lockerungsübungen beginne ich gemütlich loszulaufen. Nach einer Viertelstunde werfe ich einen ersten Blick auf meine Uhr. Der Kilometerzähler läuft, Puls ist im grünen Bereich und mein automatisch generierter Trainingsplan schlägt vor noch 5 Kilometer zu laufen.

Nach 4 Kilometern bin ich völlig ausgelaugt, der lange Arbeitstag und die wenige Bewegung in letzter Zeit fordern ihren Tribut. Ich breche mein Training ab und gehe zurück zu meiner Wohnung. Die Smartwatch beginnt lauthals zu piepsen und blinken. „Noch 1 km! Nicht aufgeben!“ Ich drücke es weg und setze meinen Weg fort. Nur kurze Zeit später meldet sich die Uhr erneut. Ich blicke auf das Display und sehe eine neue Nachricht von Martin. Er fragt, ob ich morgen auch bei der Demonstration gegen das neue Datenschutzgesetz dabei bin. Ich antworte ihm, dass ich es mir noch überlegen werde und ich ihm morgen Bescheid gebe.

Der nächste Morgen

Mit einer frischen Tasse Kaffee in der Hand gehe ich von der Gemeinschaftsküche zurück zu meinem Arbeitsplatz. Ich stelle die Tasse auf meinen Schreibtisch und lasse mich in den Sessel fallen. Meine Oberschenkel brennen als hätte ich gestern einen Marathon absolviert, aber ich fühle mich gut. Ich entsperre meinen Computer und erblicke sofort eine Werbung für Magnesiumtabletten gegen Muskelkater. Noch bevor ich die Anzeige wegklicken kann, läutet mein Telefon. Mein Chef möchte mich gerne in seinem Büro sprechen. Ich denke mir nichts weiter dabei, sperre meinen PC und mache mich auf den Weg zur Chefetage.

Der Sekretär begrüßt mich freundlich und bittet mich direkt weiter ins Büro des Chefs. Auch er begrüßt mich mit freundlicher Miene, deutet mir einen freien Stuhl und beginnt zufrieden von meinen bisherigen Leistungen zu erzählen. Ich fühle mich geschmeichelt, bin aber dennoch verwirrt, worauf dieses Gespräch hinauslaufen wird. „Alles in allem leisten sie also sehr gute Arbeit in unserem Unternehmen und wir sind froh sie an Board zu haben. Aber uns ist etwas zu Ohren gekommen, dass uns etwas Sorgen bereitet. Welche Veranstaltungen sie privat besuchen ist selbstverständlich ihre persönliche Entscheidung aber gerade das neue Datenschutzgesetz bringt unseren Unternehmen allerlei Vorteile. Und wenn sie dagegen auf die Straße gehen, dann muss ich mir zwangsweise die Frage stellen, ob sie eigentlich noch mit der richtigen Einstellung an ihre Aufgaben herantreten.“

Ich bin schockiert. Ich versichere ihm nicht an der Demonstration teilnehmen zu wollen und mache mich auf den Weg zu meinem Arbeitsplatz. Auf dem Weg versuche ich zu begreifen, was gerade geschehen ist. Würde er mich wirklich kündigen, wenn ich demonstrieren gehe?

Nicht alles was glänzt…

Auf dem Nachhauseweg erblicke ich ein und dieselbe Reklame gleich auf mehreren Anzeigen. Eine Gruppe Anzugträger steht lachend mit einer Runde Bier in der Hand in einer Bar. Darunter steht: “Ein Kühles Blondes lässt alle Sorgen vergessen“. Erneut zeigt meine Uhr eine Benachrichtigung. Meine Bank möchte mir mitteilen, dass meine Raten für die Wohnung teurer werden, da meine Kreditwürdigkeit herabgestuft wurde. Ich zücke mein Handy und frage meinen Bankberater nach der Ursache. Er erklärt mir, dass mein Unternehmen meine Bewertung von „Sehr zufriedenstellend“ auf „zufriedenstellend“ gesenkt hat und es daher notwendig sei die Zinsen anzupassen. Ich kann es nicht fassen. Ich stecke das Handy ein und versuche den heutigen Tag zu verarbeiten.

Zu Hause angekommen fällt mir ein, dass ich Martin noch Bescheid geben wollte. Ich wähle seine Nummer. Es läutet einige Male, bis sich die Sprachbox meldet. Ich lege auf und beschließe etwas fernzusehen, bis er mich zurückruft. Nach einer kurzen Werbung beginnen die Nachrichten. „Polizei löst Demonstrationszug nach Ausschreitungen auf … Mehrere Demonstranten mit Handschellen an Türen des Innenministeriums gekettet … Dutzende Personen verhaftet … Platzverbote rund um das Innenministerium ausgesprochen …“ Plötzlich läutet es an meiner Tür.

Ich gehe ins Vorzimmer, blicke durch das Guckloch und sehe zwei Polizisten. Ich erstarre und weiß nicht, wie ich reagieren soll. Nervös öffne ich die Türe. Die beiden Beamten bitten mich ihnen auf die Dienststelle zu folgen, sie haben einige Fragen an mich und würden diese gerne in Ruhe durchgehen. Ich nicke und ziehe mir meine neuen Laufschuhe an. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss, als ich die Wohnung verlasse. Kurz bevor ich ins Dienstauto einsteige, meldet sich erneut meine Uhr. „Lauftraining beginnen?“

Dieser Text ist ursprünglich als Kolumne im SHOCK2 C4 eMagazin zum Spiel Watch_Dogs 2 erschienen.

Der Spitzel namens WhatsApp

WhatsApp

Es gibt nur wenige Apps, denen es gelingt, auf nahezu jedem Smartphone vertreten zu sein und WhatsApp gehört definitiv dazu. Dennoch habe ich mich bewusst entschieden diese und einige andere Apps nicht auf meinem Handy zu installieren. Warum? Primär aus Datenschutzgründen aber nicht ausschließlich.

Aber WhatsApp nutzt doch Verschlüsselung?

Ja auch WhatsApp schreibt sich seit einiger Zeit Verschlüsselung auf die Fahnen und das war auch ein notwendiger und wichtiger Schritt. Denn dadurch können auch Menschen ohne technisches Verständnis Verschlüsselung einsetzen und diese wird in Zukunft noch viel wichtiger als sie es ohnehin schon ist.

Doch wenn niemand meine Nachrichten mitlesen kann, was ist dann das Problem bei WhatsApp? Nun, zum einen handelt es sich bei WhatsApp um so genannte proprietäre bzw. closed Source Software. Das bedeutet, dass der Programmcode nur für die Entwickler einsehbar ist und NutzerInnen keine Möglichkeit haben sich von den Sicherheitsstandards selbst zu überzeugen. Grundsätzlich ist dies nichts Ungewöhnliches. Ganz im Gegenteil, die meisten Programme, die sich heutzutage großer Beliebtheit erfreuen sind ebenfalls proprietär. Egal, ob Betriebssysteme wie Windows und MacOS oder Programme wie Adobe Photoshop und Microsoft Office, proprietäre Software ist weitverbreitet.

Um das Problem dahinter verständlicher zu machen, möchte ich ein kleines Beispiel geben. Wenn ein Unternehmen verspricht, ab sofort Verschlüsselung einzusetzen, dann ist das gut und schön. Welche Verschlüsselung allerdings zum Einsatz kommt oder wie diese eingebaut wurde, bleibt aber meist Betriebsgeheimnis. Im Falle von WhatsApp weiß man zwar, welche Art der Verschlüsselung eingesetzt wird. Ob die Entwickler aber nicht vielleicht die eine oder andere Hintertür eingebaut haben, bleibt verborgen. Genauso welche anderen Informationen und Daten die App sammelt und nach Hause sendet. Man muss also darauf vertrauen, was das Unternehmen kommuniziert und kann es nicht überprüfen.

Open Source sorgt für mehr Freiheit

Im Vergleich dazu gibt es auch sogenannte Open Source Software. Hier wird der gesamte Programmcode für jedermann öffentlich zugänglich gemacht. Dadurch kann jeder technisch versierte Mensch selbst einen Blick hinter die Kulissen werfen und die Funktionen auf Fehler prüfen. Weiters bietet Open Source Software auch die Möglichkeit selbst am Programmcode herumbasteln zu dürfen und falls gewünscht Anpassungen durchzuführen. Man hat also wesentlich mehr Freiheit und Möglichkeiten im Vergleich zu proprietärer Software. Versteckten Hintertüren und anderen Schnittstellen für das Auslesen von persönlichen Daten wird dadurch ein Riegel vorgeschoben.

Mir ist besonders wichtig, dass klar wird, dass Open Source nicht nur für Nerds und Programmierer geschaffen wird, sondern unabhängig vom technischen Verständnis von jeder Person genutzt werden kann. Denn auch wenn man keinerlei Programmierkenntnisse hat und nicht selbst die Aussagen der Unternehmen überprüfen kann. So ist es wichtig, dass wir uns die Möglichkeit offen halten und nicht blind auf die Gutmütigkeit von profitorientierten Unternehmen verlassen.

WhatsApp lebt von Daten

Denn WhatsApp und dessen Mutterkonzern Facebook leben nicht von Luft und Liebe, sondern von unseren Daten. Dabei interessiert WhatsApp nur marginal, was wir tatsächlich schreiben. Viel Interessanter ist mit wem, wie oft, von wo aus und wie lange wir kommunizieren. Denn aus diesen und anderen Daten lassen sich nicht nur exakte Nutzerprofile erstellen, sondern auch Verhaltensweisen auslesen und auswerten. Und diese werden dann wiederum dafür verwendet, um möglichst effizient Werbung an die NutzerInnen zu bringen. Es geht schlicht und einfach darum so viele Daten wie möglich von jedem Menschen zu sammeln, um möglichst rund um die Uhr zu wissen, wo jemand ist, was er/sie gerade treibt, welche App genutzt wird und was ihn bzw. sie gerade interessiert. Denn aus diesen Daten lassen sich massive Profite generieren, wie sich an den Umsatzzahlen von Facebook erkennen lässt.

Es geht nicht nur um eure eigenen Daten

Wer sich WhatsApp auf dem Smartphone installiert, gibt nicht nur seine eigenen Daten bereit willig an Dritte weiter, sondern auch sämtliche Informationen von anderen Personen, die sich auf dem Handy wiederfinden lassen. Sein es nun Textnachrichten, E-Mails, Fotos oder sonstige Daten, die euch ein Freund zugeschickt hat. Auch diesen Informationen stellt ihr mit der Installation von WhatsApp anderen zur Verfügung. Schlichtweg zu sagen „Ich habe ja nichts zu verstecken“ ist also keine gültige und zutreffende Aussage. Denn es geht um weitaus mehr als nur um eure Daten. Es geht auch um die Daten und Informationen eurer Freunde, Familie und Bekannten.

Und wie bereits in einem älteren Artikel erwähnt, geht es nicht darum, dass „normale“ Bürger ja nichts zu verbergen haben, weil ihr Leben für Unternehmen uninteressant ist. Es geht darum nicht leichtgläubig euer Leben auf einem silbernen Tablet zu servieren, nur weil euch dafür im Tausch etwas mehr Komfort versprochen wird. Niemand kann abschätzen, für welche Art von Missbrauch eure Daten in Zukunft verwendet werden könnten. Denn selbst wenn ein Unternehmen vielleicht selbst keine Schandtaten mit euren Daten im Schilde führt, so könnten diese Daten genau so gut gestohlen werden und anderen Personen, Unternehmen oder Regierungen in die Hände fallen. Und was diese dann damit machen, überlasse ich einfach mal eurer Fantasie.

Aber was sind die Alternativen?

Eine oft genannte und von Edward Snowden persönlich empfohlene Alternative stellt die App Signal dar. Die von Open Whisper Systems entwickelte App setzt nicht nur auf permanente Verschlüsselung und Open Source, sondern speichert auch nahezu keine Daten seiner NutzerInnen.

Wie vor wenigen Wochen bekannt wurde, musste das Unternehmen hinter Signal nach einer gerichtlichen Anordnung die gespeicherten Nutzerdaten von zwei Personen herausgeben. Nachdem Open Whisper Systems dafür gekämpft hatte, die gerichtliche Aufforderung öffentlich machen zu dürfen, wurde nun bekannt, welche Daten weitergegeben wurden. Nachdem die App selbst kaum Informationen speichert, konnten die Entwickler nur das Datum der Registrierung und den Zeitpunkt der letzten Anmeldung liefern. Andere Daten werden nicht gespeichert oder sind durch die Verschlüsselung nicht einsehbar. (Quelle)

Es geht auch anders!

Ich weiß ein Umstieg scheint für viele unmöglich oder zumindest schwierig. Schließlich nutzt jeder WhatsApp und die Alternativen leiden meist an mangelnder Verbreitung. Aber irgendwann muss man beginnen, denn solange niemand anfängt, wird sich auch nichts ändern. Also installiert euch Signal, ermutigt eure Freunde und Familie sich Signal zumindest parallel zu WhatsApp zu installieren und gebt dem Ganzen eine Chance.

Macht gebrauch von euren Rechten und holt euch die Kontrolle über eure Daten zurück, bevor es zu spät ist!

Wer gerne mehr über WhatsApp und gute Gründe für einen Messengerwechsel lesen möchte, hier noch ein guter Artikel zum Thema: Artikel auf Netzpolitik.org